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Mythos Wasser

Wasser - vom Mythos zum Wirtschaftsgut

Wasser wird nicht verbraucht, wohl aber in nicht mehr nutzbare Formen überführt. Der sich ständig regenerierende Anteil des Süßwassers beträgt nur einen Bruchteil des gesamten Wasservorrats der Erde. Dennoch gehen wir mit Wasser immer noch um, als sei es unerschöpflich.

Aus der Hochachtung alter Kulturen ist hemmungslose Ausbeutung geworden. Die Wasserwende ist unabdingbar, wollen wir drohende Kriege um Wasser vermeiden und auch zukünftigen Generationen nicht des Lebenselixier berauben. Ohne Wasser wäre Leben auf dieser Erde nicht entstanden. Eine Reihe erstaunlicher Eigenschaften macht es zum durch nichts ersetzbaren Gut, das aber auch zerstörerische Kraft entfalten kann.

Wasser ist die Grundlage allen Lebens. In ihm haben sich die ersten Zellen entwickelt und hat die Evolution der Arten ihren Anfang genommen. Die Tiere eroberten erst vor – entwicklungsgeschichtlich gemessen - sehr kurzer Zeit das Land, und auch heute noch sind alle Lebewesen auf Gedeih und Verderb vom Wasser abhängig. Alle Landlebewesen bestehen zu 45 bis 90 % aus Wasser, und selbst an extremste Trockenheit angepasste Wüstenarten sind an die Aufnahme eines bestimmten Wasserquantums gebunden, auch wenn sie es zum Teil aus ihren Beutetieren gewinnen können.

Dem wesentlich weniger spezialisierten Menschen genügt die in seiner Nahrung enthaltene Feuchtigkeit nicht. Er kann nur wenige Tage ohne Wasseraufnahme überleben, während er mehrere Wochen Hunger erträgt. Auch in einem Zeitalter der rein chemisch produzierten Nahrung wird Trinkwasser durch nichts ersetzt werden können.

Was ist das Besondere an diesem Stoff mit der einfachen chemischen Formel H2O? Warum hat gerade Wasser die Voraussetzungen für Leben geschaffen? Leben wie es vielleicht nur auf der Erde möglich, und das zumindest in unserem Planetensystem einmalig ist.

Wunderbares Molekül

Wasser ist eine simple Verbindung, weit entfernt von der Komplexität etwa der Eiweissmoleküle oder künstlich hergestellter Kunststoffe. Die Vereinigung zweier Wasserstoffatome mit einem Sauerstoffatom hat aber einige von der Norm abweichende Eigenschaften, die sie zu einer herausragenden Erscheinung machen. Weil das Wassermolekül gewinkelt ist, fallen positiver und negativer Ladungsschwerpunkt nicht zusammen. Diese Dipoleigenschaft verursacht Anziehungskräfte zwischen benachbarten Wassermolekülen. Ein Phänomen von großer Bedeutung; erschwert es doch die Trennung der Moleküle und setzt so den Siedepunkt des Wassers herauf. Wasser verwandelt sich deshalb erst bei 100°C in ein Gas, eine viel höhere Temperatur als sie aufgrund seines Molekulargewichtes zu vermuten wäre. Damit ist das Wasser bei den auf der Erdoberfläche herrschenden Temperaturen und atmosphärischen Druckverhältnissen, meist flüssig und nur zum kleinsten Teil gefroren oder gasförmig, eine unabdingbare Voraussetzung für Leben.

Ebenso wichtig ist die sogenannte Dichteanomalie des Wassers. Während ein Stoff sich im allgemeinen beim Abkühlen zusammenzieht, tut H2O dies nur bis zu einer Temperatur von 4°C bei der es sein Dichtemaximum hat. Somit ist Eis leichter als 4°C Grad kaltes Wasser, schwimmt oben und verhindert ein Gefrieren der Tiefenschichten von Seen und Meeren. Im Wasser ist Leben deshalb auch bei Lufttemperaturen unter 0°C möglich.

Außerdem werden die Meeresströme aufrechterhalten und damit letztlich der globale Wasserkreislauf und das Leben an Land. Die Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren ist zudem der Motor der physikalischen Verwitterung. In Gestein eingedrungene Feuchtigkeit sprengt dieses, sobald sie zu Eis wird. Diese Art der Zersetzung ist eminent wichtig. Sie trägt zum Beispiel zum stetigen Mineraliennachschub im Boden bei.

Wasser und Klima

Auch das gasförmige Wasser in der Atmosphäre ist von entscheidender Bedeutung, denn der Wasserdampf ist für den weitaus größten Teil des natürlichen Treibhauseffektes verantwortlich, ohne ihn wäre es auf der Erde durchschnittlich - 18° C kalt - eine lebensfeindliche Temperatur. Schließlich hat Wasser eine außerordentlich große Oberflächenspannung. Sie ist die Ursache für die enormen Kapillarkräfte, die das Ansteigen von Wasser von den Wurzeln bis zu den Blättern ermöglichen - ein für die Pflanzen lebensnotwendiger Transport und Teil des großen Wasserkreislaufs.

Wasser ist also alles andere als ein gewöhnlicher Stoff, es ist essentiell für die Art von Leben, wie wir es kennen. Da ist es nicht verwunderlich, dass Wasser von jeher in allen Kulturen eine überragende Rolle gespielt hat. Nil, Euphrat, Tigris und Tiber erinnern uns noch heute an die frühen Hochkulturen, die stets entlang großer Flußläufe entstanden und von diesen abhängig blieben. Wasser ermöglichte Ackerbau und Handel und damit die Entwicklung der ersten großen Städte. Die erhalten gebliebenen Viadukte der Römer künden noch heute – wie etwa der Pont du Gard bei Nimes - von der Bedeutung des Wassers, bei der Unterwerfung weiter Landstriche. Sie sind technische Meisterwerke und damit auch ein Beispiel für die frühen Versuche des Menschen, Wasser in die ihm nützlichen Bahnen zu zwingen, seinen natürlichen Fluss zu manipulieren.

Gebrauch und Missbrauch

Neben der stofflichen Nutzung des Wassers zum Trinken, Kochen und für die Bewässerung der Felder, wurden Flüsse und Bäche auch schon immer als Abfallsenken missbraucht. Dies ist also keineswegs nur eine Erscheinung der Neuzeit. Allerdings hat seit der Industrialisierung nicht nur die Quantität der entsorgten Abfälle zugenommen, sie haben vor allem eine andere Qualität erreicht. Die gefährlichste Veränderung liegt in der Langlebigkeit vieler auf synthetischem Wege entstandenen Verbindungen, für die Natur keine Abbaumechanismen kennt. Wo es früher nur zu lokalen Katastrophen kam, haben Verunreinigungen heute viel weiter reichende Konsequenzen - sowohl auf der räumlichen, als auch auf der zeitlichen Skala.

Fließendes Wasser dient aber nicht nur dem Transport, es hat auch eine enorme Kraft. Die Menschen erkannten dies frühzeitig, wenn ihnen auch die energischen Gesetzmäßigkeiten nicht klar waren. Die Abhängigkeit der erzielbaren Leistung von Fallhöhe des Wassers und Massestrom, wusste man zwar nicht in Gleichungen zu fassen, war sich ihrer aber dennoch bewusst. Bereits vor 2.000 Jahren förderte man im Zweistromland Grundwasser mit Hilfe von mit Wasser angetriebenen Schöpfrädern und lenkte es auf die Felder. Damit ist die Wasserkraft neben dem Wind die älteste von Menschen genutzte Energiequelle. Im Mittelalter baute man Wassermühlen, die dem Mahlen von Getreide, dem Betrieb von Hammer- und Pochwerken oder der Schaffung von Wasserspielen in den Schloßgärten dienten.

Am Prinzip der Wasserkraftnutzung hat sich bis heute nichts geändert. Die Eingriffstiefe ist jedoch im Verlaufe der Entwicklung eine ganz andere geworden. Die modernen Turbinen, Speicherkraftwerke und Stauseen bringen der Natur unübersehbare Narben bei, während die mittelalterlichen Mühlbäche eine kaum merkliche Beeinflussung darstellten.

Segen und Verderbnis

Nicht nur der Grad der Nutzung hat sich erheblich gewandelt, das Verhältnis des Menschen zum Wasser ist ebenfalls nicht mehr was es einst war. In der Antike galt Wasser neben Feuer, Erde und Luft als eines der vier Elemente. In den Schöpfungsmythen aller Völker spielt es eine zentrale Rolle, war doch der Zusammenhang zwischen Wasser und Leben allgegenwärtig. Die ägypter glaubten an das Urgewässer Nun, das den Kosmos hervorbrachte. Die Bibel spricht von einer Urflut. Betrachtet man die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft, befällt einem Ehrfurcht vor dem intuitiven Wissen früher Völker.

In den heutigen Weltreligionen wirkt diese Verbindung zwischen Wasser und Ursprung der Welt, also dem Stadium der Unschuld fort. Sie schreiben dem Wasser eine reinigende Kraft zu, die uns etwa in den rituellen Waschungen der Muslime oder in der christlichen Taufe begegnet. Die polytheistischen Religionen besiedelten das Wasser natürlich auch mit einer Vielzahl von Göttern. Bei den alten Griechen wimmelten Meere und Flüsse von allerlei Gestalten, vom bekannten Poseidon bis zu den Neiriden und Titonen. Die sehr unterschiedlichen Eigenschaften dieser Wesen spiegeln die ambivalenten Gefühle, die man dem Wasser gegenüber empfand. So galt es auf der Einen Seite als Spender von Leben, als den man es verehrte. Besonders die Quellen galten als heilig, war man sich doch über den Wasserkreislauf noch nicht im klaren und glaubte daher an ein Erscheinen des fruchtbringenden Nass aus dem Nichts. Aber auch die zerstörerische Macht des Wassers war den Menschen jederzeit gegenwärtig. Schiffe versanken in den Meeresfluten, überschwemmungen vernichteten Ernten und zerstörten Siedlungen.

Entzauberung

So erlebten die Menschen Flüsse und Meere als Wohltäter und übeltäter, in jedem Fall aber standen sie seinen Geheimnissen und seiner Allgewalt weitgehend machtlos gegenüber. Heute dagegen haben die Chemiker, Physiker und Techniker den Mythos Wasser entzaubert. Wir können sein Verhalten erklären und es uns in einstmals unvorstellbarem Ausmaß für unsere Zwecke zunutze machen. Auch vor der dunklen Seite, den Gefahren seiner entfesselten Macht, glauben wir uns schützen zu können. Die neuesten Entwicklungen scheinen dies jedoch als Trugschluss zu entlarven. Die moderne Technik erscheint wie Goethes Zauberlehrling, der inzwischen mehr Schaden anrichtet als Segnungen verheißt. Der drohende Meeresspiegelanstieg, zunehmende überschwemmungen durch Erosion in der Dritten Welt oder Gewässerausbau und Versiegelung bei uns machen deutlich, daß wir die Macht des Wassers niemals vollständig zähmen werden. Neben der Renaissance der Bedrohung durch das Wasser, ist aber auch seine lebensspendende Kraft in Gefahr zu versiegen. Die Neuzeit hat das Wasser vom Heiligtum zum bloßen Wirtschaftsgut werden lassen. Ein Bewußtseinswandel der ein gut Teil der Erklärung des heutigen Wassernotstands liefert.

Wasserkrise

Unsere Umweltsituation wird von einer Vielzahl von Krisen geprägt, die alle strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen. Besonders deutlich wird dies an der ähnlichkeit von Wasser- und Energiekrise. Wie Energie wird auch Wasser nicht verbraucht, wohl aber in nicht mehr nutzbare Formen umgewandelt. Der nicht mehr nutzbaren Wärmeenergie entspricht in den Fluten des Meeres verteiltes Süsswasser.
Dauerhaft nutzen können wir letztlich nur die sich innerhalb kurzer Zeit referierenden Ressourcen. Sowohl bei der Energie, als auch beim Wasser hängen diese von der Sonne ab. Sonnenwärme ist der Motor des globalen Wasserkreislaufs, der ein ganz bestimmtes Quantum an Süsswasser dem Meer entzieht und einen Bruchteil hiervon als Regen über dem Land niedergehen lässt. Statt sich jedoch mit dieser Menge zu bescheiden, beuten wir zunehmend Tiefen Wasser aus - Speicher, die sich erst in Tausenden von Jahren wieder auffüllen werden. Die Verbrennung der fossilen Energieträger ist das Analogon – ebenso kurzsichtig und ebenso ein Wirtschaften auf Kosten der zukünftigen Generationen. Verantwortlich für den Wasserraubbau sind, wie bei der Energieverschwendung, in erster Linie Konsumanstieg und ein viel zu niedriger Preis, der uns endliche Güter handhaben lässt, als seien sie unbegrenzt verfügbar.

Die Suche nach einer adäquaten Antwort auf die sich verschärfende Wasserkrise, offenbart eine weitere übereinstimmung mit der Energieproblematik. Hier wie dort sind die wirtschaftlichen Strukturen von Zentralität und Monopolen geprägt. Verschwendung ist da nur die logische Folge, Umsatzsteigerung das einzige Ziel. Gefordert ist die Rückverlagerung der Verantwortung an die Kommunen und den Einzelnen. Nicht von weither antransportiertes Fernwasser, sondern nur die Beschränkung auf die regionalen Vorkommen, wird Wasser wieder zu dem machen, was es ist; ein äußerst rares und verantwortungsbewußt zu verwendendes Gut.

Qualitätsproblem

Auch im Abwasserbereich gibt es trotz unbestreitbarer Erfolge der “end of pipe” Technologie noch keinen Anlass zur Entwarnung. Noch immer werden die Probleme oft nur zeitlich oder räumlich verlagert. Dabei zeigt gerade das Wasser die enge Verbundenheit der Umweltmedien. Schadstoffe gelangen vom Klärschlamm oder über Deponiesickerwässer ins Grundwasser, durch Auswaschung mit dem Regen in Flüsse und Meere. Eine kostenintensive Entfernung von Giften in Kläranlagen genügt also nicht, auch hier sind grundsätzlich neue Strategien gefragt. In Industrie und Landwirtschaft muss das Hauptaugenmerk auf die Vermeidung des Einsatzes, vor allem der nicht ablauf-fähigen Chemikalien gehen und in den Haus-halten sollte die dezentrale Komposttoilette zur Alternative des wasservergeudenden WC's avancieren.

Schließlich müssen wir aber auch über unseren Tellerrand blicken. Denn weitaus gravierender als in den Industrieländern ist der Wassernotstand im übrigen Teil der Welt. Wasser ist leider sehr ungleich verteilt und gerade in den heute schon wasserarmen Regionen wächst die Bevölkerung rasant. Ein Zusammenhang, der nicht verwundert, ist Wasserreichtum doch in der Vergangenheit einer der Garanten für rasche Industrialisierung und damit für einen schnellen Anstieg des Lebensstandards gewesen. Die wasserarmen Regionen aber blieben "rückständig". Die Spirale von Armut und Kinderreichtum bringen sie heute der Katastrophe immer näher. Natürlich gibt es hier Ausnahmen wie die wasserarmen, aber durch Erdöl reich gewordenen Staaten des Nahen Ostens. Auf der anderen Seite ist sogar extremer Wasserreichtum kein Garant für Entwicklung.

Bestes Beispiel dafür ist Brasilien - das wasserreichste Land der Erde -, das aufgrund des kolonialen Erbes und der heutigen Besitzstrukturen ein Land großen Elends ist. In den Favelas von Rio oder Sao Paulo ist sauberes Wasser denn auch ein unbezahlbarer Luxus. Die Nord-Süd- Problematik verschärft so die globale Wasserkrise. Die in Rio beschworene neue Gemeinsamkeit drängt auch hier nach Verwirklichung.

Wasserwende

Doch trotz der globalen Dimensionen der Krise, muss die neue Wasserpolitik dort beginnen, wo das weitaus meiste Wasser verschwendet und vergiftet wird; in den Industrieländern. Soll die Umkehr gelingen, muss jeder einzelne ein neues Verhältnis zum vielleicht wichtigsten und gefährdetsten Gut der Menschheit entwickeln.

Die Erkenntnis von der Endlichkeit der Ressource Wasser bricht sich denn auch langsam Bahn. Wir beginnen, die Verschwendung von Wasser einzudämmen; wassersparende Produktionsverfahren und Haushaltsgeräte, Regenwassernutzung und verlustarme Bewässerungsmethoden sind auf dem Vormarsch. Doch wie beim Energieproblem kann auch hier die technikinduzierte Effizienzrevolution nur ein erster Schritt sein, der durch ökonomische Maßnahmen, wie einen progressiven und absolut höheren Wasserpreis, beschleunigt werden muss. Daneben erfordern die Bevölkerungsexplosion und die Entwicklungsansprüche der Dritten Welt eine neue Wasserkultur.

Wasser muss wieder in erster Linie für die wirklich lebensnotwendigen Dinge eingesetzt werden. Sein Schutz als ein für das überleben der Menschheit zentraler Punkt Eingang in unser aller Bewusstsein finden. Die drohenden Gefahren erlauben keinen Aufschub, sollen nicht in kürzester Zeit Kriege ums Wasser ausbrechen und die Abfallsenke Wasser durch Kollaps von Meeren und Flüssen endgültig verstopft werden.
Literatur:
Auszug aus dem Heft:
"Zukunftsfrage Wasser" (Bund-Themenheft)
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
e.V. (BUND) Landesverband Baden-Württemberg
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