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Pestizid- und Nitratflut

Der vorliegende Entwurf der Europäischen Union mit der Lockerung des Grenzwertes auf 0,1 Mikrogramm Pestizide pro Liter Trinkwasser droht uns, einen Bärendienst zu erweisen. Denn Trinkwasser ist durch nichts zu ersetzen. Unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel hängt davon ab, dass wir auch den kommenden Generationen sauberes Wasser hinterlassen.

Schon heute sterben täglich 35.000 Kinder an den Folgen von verschmutztem Wasser oder an Wassermangel. Kriege werden bereits ums Wasser geführt. Und in Konfliktregionen, wie dem Nahen Osten, steht und fällt der Friede damit, dass alle Völker Zugang zum knappen Gut Wasser erhalten.

In Deutschland leben wir in einem mit ausreichend Wasser gesegneten Teil der Welt. Und dennoch wird uns allmählich das Wasser knapp. Nicht etwa weil wir zu wenig hätten, sondern weil wir das vorhandene Wasser seit Jahrzehnten systematisch verschmutzen und uns damit allmählich buchstäblich das Wasser abgraben. Wir verseuchen mit unserer landwirtschaftlichen Produktion unser Grund- und Trinkwasser. 33.000 Tonnen Pestizide verspritzen wir zur Zeit im Jahr in Deutschland auf unsere Felder und Wiesen, und in der Europäischen Union sogar 315.000 Tonnen. In Baden-Württemberg wurden deshalb in 40 % der Trinkwasserproben erhöhte Pestizidkonzentrationen nachgewiesen, in Nordrhein-Westfalen in immerhin noch in jeder fünften Probe.

Nitrate und Pestizide werden zu einem Langzeitproblem; da diese Schadstoffe in immer größeren Mengen ins Grundwasser eindringen und - wenn überhaupt - nur mit immensem Aufwand wieder herausgefiltert werden können. 200.000 Mark kostet es, um ein einziges Kilogramm Pestizide wieder aus dem Trinkwasser zu entfernen.

Wenn wir so weiter wirtschaften wie gehabt, werden wir im kommenden Jahrhundert neben der Energiekrise mit Sicherheit weltweit eine Wasserkrise zu bewältigen haben. Die klimatischen Veränderungen werden uns vermutlich neben längeren Trockenphase stärkere Niederschläge und Überschwemmungen bescheren.

Seit Jahren wird über die flächendeckende Verunreinigung des Grund- und Trinkwassers durch die Landwirtschaft debattiert. Doch trotz mancher positiver Ansätze, lässt eine durchgreifende Ökologisierung der Agrarpolitik bis heute auf sich warten. Dabei wäre sie sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich sinnvoll und machbar. Denn in Wahrheit sind die angeblich billigen Nahrungsmittel längst die teuersten geworden.

Der "natürliche" Nitratgehalt des Grundwassers beträgt je nach Region zwischen 0,4 mg/l und 8 mg/l. Hingegen stellte beispielsweise die Landesanstalt für Umweltschutz bereits 1993 an fast 40 Prozent von 2.600 Meßstellen in Baden-Württemberg Nitratgehalte fest, die über dem Warnwert von 40 mg/l im Grundwasser liegen (deutscher Grenzwert für Trinkwasser 50 mg/l - EU-Richtwert 25 mg/l).

Die höchsten Belastungen wurden in Gebieten mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung, so in Mais-, Wein- oder Spargelanbaugebieten gemessen. Die bundesdeutschen Äcker werden jährlich mit 49 kg Stickstoff pro Einwohner gedüngt. 90 Prozent davon gehen ins (Grund-)Wasser oder belasten die Atmosphäre: 15% des Treibhauseffektes werden der Landwirtschaft zugeschrieben. Die Landwirtschaft trägt über die Anreicherung der Luft zur Versauerung des Bodens, der Gewässer und des Grundwassers bei.

Schuld daran sind vor allem die Ammoniakemissionen Aus der Gülleausbringung und -lagerung und der Viehhaltung. Als Folge- und Reaktionsprodukte von Ammoniak entstehen Ammonium, Salpetersäure, Stickstoff und Nitrat. Insgesamt kommt etwa die Hälfte der Nährstoffbelastung der Gewässer Deutschlands, laut Angaben des Umweltbundesamtes aus der Landwirtschaft. Pro Einwohner und Tag fallen in Deutschland zehn Liter Gülle an, die auf Felder und Wiesen ausgebracht werden. In den kalten Herbst- und Wintermonaten sind Pflanzen und Wurzeln nicht in der Lage, auch nur ein Prozent davon aufzunehmen.

Pestizidregen

Trotz des seit Frühjahr 1991 bestehenden Anwendungsverbots für Atrazin in Deutschland, versickert das Gift nun schon in tieferen Grundwasserleitern, die bisher als absolut sauber galten. Ein Gramm eines Pestizids kann 10.000 Kubikmeter Wasser verunreinigen, da sind eine Million 10- Liter-Eimer buchstäblich "im Eimer"! Noch weitgehend ungeklärt sind die Auswirkungen von Pestiziden auf die natürlichen Lebensgemeinschaften. So zeigte sich bei einer der ersten Langzeit- Freiland-Untersuchungen, dass die Artenzusammensetzung, und damit die Selbstreinigungskraft eines Teiches, durch Einträge des Insektizids “Lindan” viel stärker gestört wurde, als bisher in Modellrechnungen angenommen wurde. Auch die Lebensgemeinschaft der Bodenorganismen wird durch Pestizide und andere Schadstoffe derart durcheinandergebracht, dass die natürlichen Abbaumechanismen zum Erliegen kommen.

Teure Folgekosten

Die quantifizierbaren ökologischen und sozialen Folgekosten des Nitrat- und Pestizideintrags ins Wasser gehen längst in den Milliardenbereich. So berechnete die Kasseler Gesamthochschule beispielsweise die Aufwendungen für die Denitrifikation bei der Trinkwasseraufbereitung, bei einer Stickstoffdüngung von Wurzelgemüse auf Sandboden von 130 kg pro Hektar und Jahr auf rund 2.000 DM jährlich. Das Heidelberger UPI-Institut beziffert die jährlichen Kosten der Nitratbelastung des Grundwassers auf mindestens 35 Milliarden Euro.

Subventionierter Überschuss

Die Landwirtschaft wird in Deutschland im Rahmen der EU-Agrarpolitik mit jährlich über 20 Milliarden Mark subventioniert. Der Großteil dient der Intensivierung und der exportorientierten Überschussproduktion. Nur wenige Prozent der Steuergelder sind für die Extensivierung und Ökologisierung der Landwirtschaft bestimmt.

Dagegen wurden allein 2,5 Milliarden Kilogramm Gemüse und Obst im Wirtschaftsjahr 1993/94 in Europa aufgekauft und vernichtet.
Literatur:
Auszug aus dem Heft:
"Zukunftsfrage Wasser" (Bund-Themenheft)
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
e.V. (BUND) Landesverband Baden-Württemberg
http://www.bund-bawue.de/
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